Wohlfühlorte gesucht – und gefunden

„Ich will jetzt mehr Zeit mit Freunden verbringen.“ „Mehr Sport machen.“ „Ich will mir mehr Zeit für Hobbys nehmen.“ Das sind nur einige der Ergebnisse aus den drei Projektwochen zum Thema „Selbstoptimierung – ohne Ende?!“ Im Frühjahr setzten sich die Jugendlichen mit den Themen Alltag, Konsum und Entspannung auseinander.

Gemeinsam mit dem Diakonischen Werk Mainz-Bingen, Bereich Suchtprävention, setzen sich die Jugendlichen im Schülercafé, im Offenen und im Kidsclub mit den Themen Alltag, Konsum und Entspannung auseinander. Hintergrund ist der enorm gewachsene Termindruck, Streß und mangelnde freie Zeit, über den die Jugendlichen über alle Altersgrenzen berichten. Zeit für Entspannung und die Seele baumeln zu lassen bleibe da nur wenig. Einen ersten Schritt, solche Ruhephasen zu ermöglichen, bietet das Jugendhaus mit einem neu eingerichteten Entspannungsraum. Hier laden zwei Liegestühle und einige Sitzsäcke zum Chillen ein. Aus einem Radio tönt leise Musik, ein Spiele-Set steht bereit. Parallel kann das Jugendhaus für die eigenen Interessen genutzt werden. Die einen entspannen beim kreativ sein, die nächsten sportlich beim Basketball, wieder andere kommen mit Billard, Kicker oder aktuellen Brettspielen zur Ruhe.

Die Gewinnerbilder des Fotowettbewerbs „Wohlfühlorte“ sind im Offenen Treff des Jugendhauses ausgestellt. Ein herzlicher Dank an Hannah, Emilie, Fee, Sarah und Dominik fürs Mitmachen.

Hier gibt’s den gesamten Presseartikel zum Nachlesen, viel Spaß! 


Wohlfühl-Orte gesucht Projektwochen „Selbstoptimierung ohne Ende?!“ im Jugendhaus Oppenheim

Für den einen ist es das Bett, für den anderen der Sportplatz oder der Strand: Ein Ort, den man gerne aufsucht, an dem man sich wohlfühlt und die eigenen Kräfte wieder mobilisieren kann. Dass diese sogenannten „Wohlfühl-Orte“ wichtig sind, erfahren Jugendliche während der dreiwöchigen Themenwochen „Selbstoptimierung ohne Ende?!“ des Oppenheimer Jugendhauses (Evangelisches Dekanat) in Zusammenarbeit mit der Suchtberatung des Diakonischen Werks Mainz Bingen.

Fünf gerahmte Farbaufnahmen fallen im Eingangsbereich des Jugendhauses in den Blick. Es sind die Gewinnerbilder des Fotowettbewerbs „Wohlfühl-Orte“, die zur Preisverleihung präsentiert werden. Drei Wochen lang setzten sich Jugendliche im Schülercafé und im Offenen Treff mit den Themen Alltag, Konsum und Entspannung auseinander.  

Ins Schülercafé kommen Oberstufenschüler des angrenzenden Gymnasiums während der Mittagspause, hier können sie eine wohltuende Pause im Schulalltag einlegen. Noch ist es ruhig in den Räumen, Diplom-Sozialpädagoge Niko Blug hat Zeit, den Hintergrund des Projekts zu umreißen. „Dieses Thema hat ganz viel mit Gesundheitsförderung zu tun“, beschreibt der Mitarbeiter im Bereich Suchtprävention des Diakonischen Werks Mainz-Bingen. „Gesundheitsförderung ist ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen“, so auch Heike Weber, Diplom-Sozialarbeiterin im Oppenheimer Jugendhaus. Schon längere Zeit beobachte sie insbesondere im Schülercafé, dass Termindruck, Streß und mangelnde freie Zeit stärker thematisiert würden – ein Anstoß zur Projektidee.

Man kenne das Phänomen aus der Arbeitswelt der Erwachsenen: Ständig sei man versucht, das Beste aus sich rauszuholen, produktiver zu arbeiten. Sich selbst zu optimieren gehöre zum Zeitgeist. „Viele Erwachsene stehen ständig unter Strom“. Doch dies habe seinen Preis, die eigene gute Leistung leide und sei mehr und mehr gefährdet.

„Dieses Thema betrifft auch immer mehr Jugendliche“, sagt Weber. Daher habe man versucht, sie zu sensibilisieren. In der ersten Projektwoche wurde den jungen Menschen ein „Wohlfühl-Quiz“ angeboten. Sie wurden befragt, wie sie ihren Tag verbringen, sollten dabei über ihren ganz individuellen Tagesablauf nachdenken. Eine grafische Auswertung der Antworten zeigt, dass die meisten Schülerinnen und Schüler sechs bis sieben Stunden am Tag lernen, einige bis zu zwölf Stunden. Die Zeit für Sport, Job, Musik, Freunde treffen, Hobby, Essen und Entspannung wurde im Schnitt mit jeweils einer Stunde angegeben, die Beschäftigung mit Medien liegt in der Regel bei vier Stunden. Für Schlaf bleiben im Mittel sieben Stunden.

Auf diese Erhebung des „Ist-Stands“ folgten in der zweiten Woche konkrete Fragen: Wie lang fühle ich mich am Tag gestresst? Wie oft habe ich Zeitdruck? Wie oft bin ich von meinem Alltag überfordert? oder Wie oft bin ich am Tag zufrieden mit mir selbst? Schülerinnen und Schüler sollten in sich reinhorchen, die persönlichen Gefühle auf den Prüfstand stellen.

Deutlich erkennbar ist, dass Zufriedenheit sehr unterschiedlich ausgeprägt und von jedem anders erlebt wird. Im Mittel zeigt sich jedoch ein hoher Zeitdruck bei den Befragten, im Durchschnitt sind sie knapp fünf Stunden am Tag gestresst. Einige spüren wenig bis gar keine Überforderung, andere fühlen sich in ihrem Alltag überfordert.  

Niko Blug stimmt dieses Ergebnis nachdenklich: „Die To-do-Liste wird bei ihnen also nie abgeschlossen.“ Er weiß um den Einsatz leistungssteigernder Mittel selbst bei Schülerinnen und Schülern – die Speerspitze des Problems. Es sei gesundheitlich bedenklich, immer am oberen Level zu leben. „Irgendwann sagt der Körper, jetzt ist Schluss. Denn Leistung hat ihre Grenzen und deshalb sind Pausen so wichtig.“

Daher wünscht er sich, dass sich die Jugendlichen Freiräume schaffen und Zeit finden, mal nichts zu tun. „Man muss auch Ruhephasen zulassen, damit man das Erlebte sacken lassen kann - wie auch immer die Jugendlichen diese Ruhephasen für sich selbst definieren.“

Einen ersten Schritt, solche Ruhephasen zu ermöglichen, bietet das Jugendhaus mit einem neu eingerichteten Entspannungsraum. Hier laden zwei Liegestühle und einige Sitzsäcke zum Chillen ein. Aus einem Radio tönt leise Musik, ein Spiele-Set steht bereit. Bewusst habe man nicht zu viele Sitzgelegenheiten geschaffen, damit es im Raum nicht zu lebhaft werde, sondern die Entspannung im Vordergrund stehe, sagt Heike Weber, Diplom-Sozialarbeiterin im Jugendhaus.

Inzwischen füllt sich das Schülercafé. Die Oberstufenschüler kommen zum Mittagessen, einige lassen sich im neuen Raum gemütlich nieder. Neben der ruhigen Entspannungsmöglichkeit wird in dieser Woche eine aktive Pause - Entspannung durch Bewegung - angeboten. Einige Mädchen sind interessiert, üben Seilspringen, versuchen zehn Sekunden auf einem Bein zu stehen, Gerüche zu erkennen oder auf einem Brett zu balancieren.

Anregungen, um neue Erfahrungen zu machen und die Schulung der Sinne stehen im Vordergrund. „Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommen, sondern sensibilisieren und den Fokus auf’s Positive legen: Warum geht’s mir gut, wo geht’s mir gut?“, sagt Niko Blug. Dies zu zeigen war Aufgabe des Fotowettbewerbs. Mit individuellen Aufnahmen präsentieren fünf Jugendliche ihre Lieblingsorte, die für sie ganz persönlich Ruhe, Entspannung und Wohlfühlen bedeuten.

Lichterketten leuchten dezent über einem kuscheligen Bett. Weiche Kissen und ein Buch laden ein, es sich gemütlich zu machen und sich genüsslich in die Lektüre zu vertiefen. Mit dieser kleinen Inszenierung erzielt Hannah den ersten Preis. Fotografieren sei ihr Hobby, erzählt die Elfklässlerin. Daher habe sie sich Gedanken gemacht, wie sie ihren persönlichen Rückzugsort am besten ins Bild setzen könne.

Das Foto von Emilie zeigt einen Blick über die Hügellandschaft des Bayerischen Waldes. Wenn sie im Urlaub aus ihrem Fenster in die Ferne schaue, gehe es ihr gut, lacht die Oberstufenschülerin. Fee fühlt sich bei Pferden am wohlsten und kann dort am besten entspannen. Sarah hat einen Sandstrand in Szene gesetzt, Dominik ließ sich beim Basketballspielen fotografieren. Sie alle erhalten einen zweiten Preis, ihre Fotos dienen als Anregung für andere.

Heike Weber möchte die Ergebnisse der Themenwochen gerne mit den Schulsozialarbeitern des Gymnasiums besprechen und gemeinsam überlegen, wie Entspannungsmöglichkeiten in den Schulalltag integriert werden könnten. Bei Bedarf gebe es zudem die Möglichkeit, in Kooperation mit Jugendhaus und Suchtprävention Projekttage an den Schulen zum Thema anzubieten, sagt Niko Blug. 

Und welche Konsequenz ziehen die Jugendlichen? „Ich will jetzt mehr Zeit mit Freunden verbringen.“ „Mehr Sport machen.“ „Ich will mir mehr Zeit für Hobbys nehmen“, lauten einige der Ziele. Doch eine erste Einschränkung folgt sofort: „Jetzt, in Zeiten der Kursarbeiten wird das aber schwierig.“