Weder faul noch bürgerfern

Interessierter Austausch beim Jugendpolittalk im Oppenheimer Jugendhaus. „Mitreden statt meckern“ - mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl waren am 9. Juni unter diesem Motto vier Kandidaten aus dem Wahlkreis zu einer Gesprächsrunde „Jugend trifft Politik“ eingeladen, die sich den interessierten und auch kritischen Fragen der jungen Leute stellten.

„Die Jugend von heute…“ wird mitunter geschimpft, „sie ist faul, will nur Spaß haben und interessiert sich nicht für Politik.“ Weit gefehlt, wie sich bei der Veranstaltung „Jugend trifft Politik“ zeigte. Groß war die Resonanz auf das erfolgreiche Partizipationsprojekt, mit über 40 Teilnehmenden und zwei Stunden intensiven Austauschs. Bereits zum siebten Mal hatten die Evangelische Jugend des Dekanates Oppenheim und das Jugendhaus dazu eingeladen. Nun war es besonders spannend, mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl vier Kandidaten zu erleben, die gern Botschafter in Berlin sein möchten, um dort die Interessen der Bürger von Rheinhessen zu vertreten. Zu Gast waren Marcus Held (SPD), Manuel Höferlin (FDP), Jan Metzler (CDU) und Thomas Rahner (Grüne). In der Vorstellungsrunde sprachen sie über ihre beruflichen Lebenswege und ihre Motivation, in die Politik zu gehen. Sich selbst ein Bild zu machen, das sei auch sinnvoll, um Politiker nicht alle über einen Kamm zu scheren, waren sie sich einig. Abgehoben und bürgerfern? Dieses Klischee versuchten sie zu widerlegen. Nah an den jungen Zuhörern stellten sie die wichtigsten Positionen ihrer Parteien vor und antworteten auf viele interessierte Fragen. Philipp Monnard war dabei als junger Moderator im Einsatz.

Hemmschwellen abbauen

Nach dem Rotationsprinzip eines „World Cafés“ konnten die Wahlkreiskandidaten an vier Thementischen intensiver befragt werden. Zehn Minuten hatten die Vertreter der einzelnen Parteien und ihre jugendlichen Gesprächspartner jeweils Zeit zu Information und Diskussion. Die umweltverträgliche Energieversorgung und Mobilität voranzubringen war allen wichtig. Auch für weniger Wohlhabende sollten Elektrofahrzeuge künftig finanzierbar sein, warf eine Schülerin ein. Für mehr Rechte Homosexueller mit Blick auf Ehe und Kinder sprachen sich viele junge Leute aus.

Wie die Zuwanderung und Integration gut geregelt werden kann, war ein weiteres Thema im „Worldcafé“. Betroffenheit äußerten die Schüler über einzelne Schicksale, wie die Abschiebung trotz Ausbildungsplatz. In einer weiteren Gesprächsrunde rund um Digitalisierung nahmen die Zuhörer mit, Meldungen und Behauptungen, gerade im Internet und im Zeitalter von „Fake News“ noch kritischer nach ihrem Wahrheitsgehalt zu hinterfragen.

Nah am Puls der Zeit und an dem, was Jugendliche beschäftigt sei das Format, das sich im Laufe der Jahre bewährt hat, ob im großen Plenum oder kleinerer, recht persönlicher Runde, findet Wilfried Rumpf, Jugendreferent im Dekanat Oppenheim. Als Bestandteil im Rahmen der jugendpolitischen Bildung des Jugendhauses ist die Veranstaltung ein wichtiger Baustein zur Bildung demokratischen Bewusstseins. „Der Austausch miteinander hilft Jugendlichen und Abgeordneten“, bestätigt Leiter Jürgen Salewski, „es ist ein Gewinn für beide Seiten, um voneinander zu lernen“.

Dass sich auf politischer Ebene die von den Teilnehmenden gewünschten Themen – wie die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre - nicht schnell in die Tat umsetzen lassen, wurde ihnen verdeutlicht, verbunden mit der Einladung, die Jugendorganisationen der Parteien näher kennenzulernen. Um sich zu engagieren gebe es viele Möglichkeiten, war Tenor der Runde. Doch zunächst möchte der Leistungskurs Sozialkunde des Gymnasiums St. Katharinen, der die meisten Besucher stellte, am Ball bleiben und den Wahlkampf weiter mitverfolgen. Auch Kursleiterin Petra Gradl war beeindruckt vom großen Interesse ihrer Schüler, auch im Vorfeld und im Nachgang, um die Meinungsbildung zu stärken und Politiker als Menschen wahrzunehmen. Auf Floskeln und Fachbegriffe weitgehend zu verzichten und zu erklären, was es für den Alltag der Menschen bedeutet, sei hilfreich gewesen, findet sie. Auch Jugendhaus und Dekanat freuen sich über die gute Zusammenarbeit mit Schule und Kandidaten - und wünschen sich mehr Nachahmer.