Grenzen erfahren und erleben

Noch vor den Sommerferien fand ein Baumkletter-Workshop des Regionalen Arbeitskreises Suchtprävention Oppenheim in Kooperation mit dem Oppenheimer Jugendhaus statt. Rund 14 Teilnehmer - allesamt Lehrkräfte des örtlichen Gymnasiums, Pädagogen aus Jugendhilfeeinrichtungen und Honorarkräfte, die im Bereich Prävention arbeiten, nahmen am Workshop teil.

Es tropft von den Bäumen, ein leichter Regen setzt ein. Die Luft ist feucht am Ortsrand von Oppenheim, nahe dem Rhein. Sechs sportlich Gekleidete streifen auf einem mit Pfützen gespickten Pfad durch das Grün. Jeder schaut sich suchend um, keiner spricht ein Wort.  „Welche Bäume habt ihr gefunden, beziehungsweise welcher Baum hat euch gefunden?“, will André Becker später wissen. Der Pädagoge, Coach und Supervisor der Firma Baumwege leitet den Workshop Baumklettern für Pädagogen, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche. Das Fortbildungsangebot des Regionalen Arbeitskreises Sucht (RAK) Oppenheim des Diakonischen Werks Mainz-Bingen und des Jugendhauses Oppenheim (Evangelisches Dekanat) möchte Teilnehmern, die in der Jugendarbeit tätig sind, Ideen aufzeigen, „das Medium Baum“ erlebnispädagogisch einzusetzen.

Jeder der sechs Personen stellt der kleinen Gruppe „seinen“ Baum vor. Doch was hat diese Sensitivübung mit dem Baumkletter-Workshop zur Suchtprävention zu tun? „Man sucht sich einen Baum aus, an dem man sich sicher fühlt, und baut eine Beziehung zu ‚seinem‘ Baum auf“, sagt eine Lehrerin. Im Grünen zu sein und nicht reden zu dürfen - diese Reduzierung wurde insgesamt als sehr angenehm empfunden.

Nach diesem praktischen Test sind sich die Pädagogen sicher: Es ist einfacher zu entspannen und zur Ruhe zu finden, wenn man mit einem kleinen Beobachtungsauftrag durch die Landschaft geht. Man könne jedoch leicht Zugang zu den Menschen bekommen, wenn sie davon erzählen, warum sie den Baum ausgesucht haben. „Mit dem Baumspaziergang kann man ein Setting schaffen, damit die Leute bereit sind, etwas von sich einzubringen“, erläutert der Trainer.

„Wer heute in der Sozialen Arbeit tätig ist, kommt an Erlebnispädagogik nicht vorbei. Durch das Erlebnis – zumeist in Form von Natursportarten – entwickeln wir in der Auseinandersetzung mit uns selbst, mit der Gruppe und der Natur unsere Persönlichkeit, erweitern soziale und kommunikative Fähigkeiten, fördern ökologisches Bewusstsein und vertiefen unsere sinnliche Wahrnehmung“, ist in dem Faltblatt zur Abenteuerpädagogik, das Erlebnistrainer Becker verteilt, zu lesen.

Ein völlig anderes Setting ist in der Turnhalle des Gymnasiums vorbereitet. Da wegen des Regens nicht in dem Bäumen geklettert werden kann, wurden Seile in der Hallendecke verankert. Alle 14 Teilnehmer des Workshops „prusiken“ an den Seilen in die Höhe – ein Erlebnis, das den ein oder anderen an seine Grenzen bringt. „Es geht gar nicht darum, wer höher klettern kann“, sagt Niko Blug, Präventionsfachkraft und Koordinator des Regionalen Arbeitskreises Suchtprävention. „Es geht in der Prävention um eigene Grenzerfahrungen. Denn nur wenn ich Erfahrungen mache und diese reflektiere, kann und werde ich mein Verhalten überdenken und ändern.“ Eigene Erfahrungen spielen eine Rolle, ob man den Komfortbereich verlasse und ins Risiko gehe.

Verschiedene Übungen am Fortbildungstag verschaffen Räume, um innerhalb einer Gruppe das Nein sagen zu lernen. „Nein, ich möchte jetzt nicht mehr höher klettern!“ Man müsse jedoch den Transfer machen, um suchtpräventiv zu sein. Ganz wichtig hierbei sei eine gute Moderation. „Durch diese Übungen lösen sich Dinge, die schon vorhanden sind und nun zur Sprache kommen. Unsere Aufgabe ist es, ungemütliche Themen anzusprechen und unsere Teilnehmer, Klienten und Schüler bei der Lösungsfindung zu begleiten - ohne dabei die Problemlösung zu übernehmen“, erzählt Niko Blug.

Raus aus dem Alltag - Neues wagen

Dass im Rahmen der Erlebnispädagogik Sozial- und Lebenskompetenzen gefördert und dabei Teamgeist und kreative Handlungsstrategien gefragt sind, weiß Jürgen Salewski, Leiter des Oppenheimer Jugendhauses und Fachübungsleiter Klettern des Deutschen Alpenvereins. "Seit Jahren bieten wir in den Ferien wie auch in der Offenen Arbeit des Hauses ein breites erlebnispädagogisches Angebot für Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus hat die Zusammenarbeit mit den Schulen der Verbandsgemeinde Rhein-Selz in Form von Projekttagen, mehrtägigen Orientierungstagen sowie  ganztägigen  Abenteueraktionen im  natursportlichen  Bereich  mittlerweile  eine  lange  Tradition." Teilnehmen  können Schulklassen ab der 5. Jahrgangsstufe. Alle  Schulen  innerhalb  des  evangelischen Dekanats  nutzen  dieses  Angebot, es wird rege nachgefragt. Zudem sind einmal im Jahr alle Konfirmandengruppen des Dekanats zum Konfi-Adventure eingeladen - einem erlebnispädagogischen Abenteuerparcour rund um die Oppenheimer Landskrone. 2016 waren über 250 Jugendliche beteiligt.

Raus aus dem Alltag, die eigenen Komfortzone verlassen, Neues wagen...Das dabei nicht nur Jugendliche an ihre Grenzen stoßen, bestätigen auch die Teilnehmenden des Baumkletterworkshops, der sich in eine Reihe praktischer Weiterbildungskurse anfügt, die der Regionale Arbeitskreis seit einiger Zeit anbietet. So stehen neben den regelmäßigen Arbeitstreffen erlebnisorientierte Workshops wie Klettern oder Kanu fahren auf dem Programm. „Damit können wir Personen ansprechen, die wir sonst nicht erreichen“, ist sich Niko Blug sicher. „Wir wollen Ideen präsentieren und die Netzwerkarbeit ausbauen. Man trifft sich zu einem besonderen Thema und tauscht sich darüber aus. Man lernt Ansprechpartner, die auch zu anderen Themen beraten können, kennen.“ Der Arbeitskreis sei stets offen, um bei Problemen gemeinsam eine Lösung zu finden. Gefördert wird der RAK mit aktuell 15 Mitgliedern durch die Landeszentrale für Gesundheitsförderung.

Erlebnispädagogik als pädagogisches "Handwerkszeug"

Dabei weist der Sozial-Pädagoge die Workshop-Teilnehmer darauf hin, dass dieser Nachmittag vor allem Anregungen für die Arbeit vor Ort geben soll. Das Thema Baumklettern diene als „Handwerkszeug“, um Zugang zu den Jugendlichen zu finden. Man sei durch die Teilnahme jedoch nicht befugt, Baumklettern eigenständig durchzuführen.

Die Anwesenden – Lehrkräfte des örtlichen Gymnasiums, Pädagogen aus Jugendhilfeeinrichtungen und Honorarkräfte, die im Bereich Prävention arbeiten – loben den hohen Erlebnischarakter der Aktion. Baumklettern mache es möglich, ein neues Setting zu schaffen und eine andere Perspektive einzunehmen, ohne weit zu reisen. „Ich habe erfahren, wie facettenreich Prävention ist und auf wie vielen verschiedenen Ebenen ich arbeiten kann, ohne den Zeigefinger zu heben“, so das Fazit eines Gymnasiallehrers.

Mehr Infos zum RAK? Kontakte gibts hier:

Niko Blug, Diplom-Sozialpädagoge, Diakonisches Werk Mainz-Bingen, Telefon: 06133 57899-16, E-Mail: niko.blug@diakonie-mainz-bingen.de.
Jürgen Salewski, Diplom-Pädagoge & Fachübungsleiter Klettern DAV, Leiter Jugendhaus Oppenheim, Telefon: 06133 4188, www.jugendhaus-oppenheim.de.